Die Vision & die Mauer – Warum die brillanteste Idee an der Realität zerschellen kann

Konzept eines 'Dialogfeld Taggers' als Werkzeug in einer VR-Umgebung, das zur Eingliederung von Datenfeldern in ein visuelles System dient.

System-Lektion #4


Die Dissonanz (Schmerzpunkt)

Jeder Pionier kennt diesen Moment: Man hat eine Vision. Eine Idee, die nicht nur inkrementell verbessert, sondern das Spielfeld fundamental verändern könnte. Eine Lösung, die so klar, so logisch, so überzeugend scheint – und doch rennt man damit gegen eine unsichtbare Mauer. Eine Mauer aus Gewohnheit, aus Risikoaversion, aus der schlichten Unfähigkeit des Systems, sich eine andere Realität überhaupt vorzustellen.

Diese Dissonanz zwischen dem Möglichen und dem Akzeptierten ist eine der größten Frustrationen für Innovatoren. Man hält den Schlüssel zur Zukunft in Händen, aber das Schloss klemmt – oder ist noch gar nicht erfunden.

Der Ruf zur Allianz (Job-to-be-Done)

Ich erlebte diesen Konflikt in seiner reinsten Form durch die Initiative eines geschätzten Kollegen, ebenfalls ein externer Berater in dem Unternehmen aus Lektion #2 und #3. Fasziniert von der Klarheit meiner visuellen Flow-Methode, eröffnete er mir die Tür zu einem Gespräch mit dem Top-CEO des Mutterkonzerns – einem Schwergewicht im eher konservativen deutschen Markt.

Der Auftrag war kein klassisches Projekt, sondern eine Einladung zum visionären Sparring: Ich sollte meine Gedanken zur Zukunft digitaler Zusammenarbeit und Organisationssteuerung präsentieren. Der „Job-to-be-Done“ war, die Grenzen des Denkbaren auszuloten.

Die Offene Werkstatt (Blaupause einer möglichen Wahrheit)

Ich präsentierte keine inkrementelle Verbesserung. Ich präsentierte eine radikale Vision: VR-gesteuerte Organisationsflows, visualisiert in einem holographischen Interface.

Stellen Sie sich vor: Keine flachen Miro-Boards mehr, sondern dreidimensionale, begehbare Datenräume. Komplexe Unternehmensprozesse nicht als statische Diagramme, sondern als lebendige, interaktive Organismen. Und im Zentrum: Der „UX-Orchestrator“, eine neue Rolle, die diese komplexen visuellen Symphonien dirigiert, Engpässe in Echtzeit erkennt und Teams durch virtuelle Räume navigiert.

Das war keine Science-Fiction. Es war die logische Extrapolation meiner Methode der funktionalen Klarheit, potenziert durch die Möglichkeiten neuer Technologien. Es war die Blaupause einer möglichen Wahrheit – eine Zukunft, in der Komplexität nicht mehr beherrscht, sondern intuitiv verstanden wird.

Die systemische Lektion (gewonnene Weisheit)

Die Reaktion des CEOs war faszinierend. Intellektuell war er sofort überzeugt. Er verstand das Potenzial, die Eleganz, die unweigerliche Logik dieser Vision. Sein Feedback war euphorisch: „Tom, bau es! Finde einen Investor, bau es, und ich kaufe es!“. Ein scheinbar triumphaler Moment.

Doch die Realität sah anders aus. Trotz seiner Begeisterung war der CEO nicht bereit, selbst das initiale Risiko zu tragen oder sein Netzwerk aktiv für eine Finanzierung zu mobilisieren. Die Suche nach Investoren verlief im Sande – vielleicht auch, weil meine eigene Energie anderweitig gebunden war, aber primär, weil das deutsche Investitionsklima für solch radikale Sprünge notorisch risikoscheu ist.

Die systemische Lektion ist brutal, aber wertvoll: Selbst die brillanteste, logisch überzeugendste Zukunftsvision kann an der unsichtbaren Mauer kultureller Trägheit und Risikoaversion zerschellen. Wahrer Wandel erfordert nicht nur eine überlegene Idee, sondern auch ein Ökosystem, das bereit ist, sie zu empfangen.

Teilen